Ich schreibe seit 28 Jahren an Die Dornige Leiter. Bis zum Januar dieses Jahres hieß der Fantasy-Zyklus (auch hier) noch Die Zeit der Großen Wanderschaft. Nach drei Jahrzehnten den Titel zu ändern, mag ein kühner Move sein, aber immerhin habe ich ihn freiwillig vollzogen. Andere, ganz handfeste Dinge haben sich gewandelt, ohne dass ich Einfluss darauf gehabt hätte: Software, Hardware, Betriebssysteme, Dateitypen. Autor:innen sollten das im Blick behalten, wenn sie die Anschaffung einer Schreibsoftware erwägen.
Ein Roman, älter als jede Software
Ich habe mich vor etwa sechs Jahren für eine spezialisierte Schreibsoftware entschieden und in den Folgejahren ein umfangreiches Projekt darin aufgebaut. Zuletzt erzwang Microsoft dann aber den Umstieg auf Windows 11. Seitdem verhält sich die Schreibsoftware an verschiedenen Stellen nicht mehr so, wie sie soll.
Deshalb habe ich mich nach Alternativen – sowohl zu Windows als Betriebssystem als auch zu der fraglichen App – umgesehen und diverse andere Programme ausprobiert. Dabei stellte sich heraus: Ein Wechsel wäre viel schwieriger als gedacht. Das liegt nicht an meinen Romanen, sondern an der Art und Weise, wie Texte intern von den diversen Programmen organisiert werden.
Meine aktuelle Schreibsoftware ließ es zum Beispiel relativ problemlos zu, die bereits vorhandenen Texte (die schon damals sehr umfangreich waren) zu öffnen und einzupflegen. Die trotzdem notwendigen Formatierungsarbeiten waren erwartbar und ich konnte sie gleichzeitig für eine Überarbeitung nutzen. So weit, so gut also.
Aber wer nun glaubt, so etwas Essentielles wie der Import bestehender Texte funktioniere grundsätzlich immer, kann leicht sein blaues Wunder erleben. Schreib-Apps priorisieren neue Projekte. Bestandsprojekte behandeln sie von Haus aus hingegen stiefkindlich.
So gibt es Programme, die das Aufsplitten von Manuskripten in vordefinierte Abschnitte, Überschriften und Textblöcke vorschreiben. Woher das kommt, ist dabei klar. Damit wird aufgegriffen, was man von Text-Editoren in Content-Management-Systemen kennt – und stillschweigend vorausgesetzt, dass man es kennt und vor allem, dass man es mag.
Für gewachsene Großprojekte jedoch bedeutet es mühevolle Kleinarbeit und jede Menge copy & paste. Wer so arbeiten möchte, weil ihm Struktur wichtig ist, wird damit vielleicht glücklich. Wer, wie ich, seine kreative Freiheit schätzt und Wert legt auf Autonomie, wendet sich mit Grausen ab. Ich möchte eine Software, die mich unterstützt – keine, die mir Vorschriften macht.
Gute Organisation schlägt fancy Software
Entwickler von Schreibsoftware haben ein legitimes Interesse daran, dass man ihrem Produkt treu bleibt. Deshalb bieten sie allerlei schreibspezifische Funktionen an. Welche davon man für sich dann letztlich wirklich nutzt, ist Geschmackssache.
Ich zum Beispiel finde, kein Mensch braucht eine Mindmap. Bei Ensembleromanen mit ganzen Welten und mehreren hundert Figuren wie Die Dornige Leiter reicht ohnehin selbst ein richtig großer Bildschirm für eine Darstellung der Bezüge, Handlungsstränge und Verflechtungen nicht aus. Da können die Grafiken noch so schön bunt und verschnörkelt sein.
Aber natürlich brauche auch ich Gedächtnisstützen – und zwar nicht zu knapp. Angesichts der Komplexität von Die Dornige Leiter setze ich allerdings lieber auf Hintergrundinfos in Textform. Diese reichen von ausführlichen Charakterbögen über eine Linguistik-Datenbank für erfundene Sprachen bis hin zu Kommentaren und Notizen.
Und genau da liegt der Pferdefuß von Schreibsoftware. Denn all diese furchtbar praktischen und wahnsinnig verführerischen Komfortfunktionen können geradewegs in den Vendor Lock-In führen. Meine Manuskripte kann ich in gängige Textformate exportieren. Das ist kein Problem. Kein Anbieter wird eine solche Grundfunktion verweigern, um allzu offensichtlich eine Abhängigkeit zu schaffen.
Aber was ist mit den integrierten Datenbanken, Zeitstrahlen, Metadaten, Lesezeichen, Landkarten oder Sprungmarken? All das lässt sich im Zweifelsfall nur aufwendig und unzureichend sichern. Und man merkt es erst, wenn man sich mal ernsthaft mit dem Gedanken trägt, das Programm zu wechseln. Es ist ein gut versteckter Haken.
Die gute Nachricht ist: Viele Features in Schreib-Apps sind bei Licht besehen reine Komfortfunktionen, die es inzwischen auch in freier Software gibt, oder die sich sich über Erweiterungen nachrüsten lassen.
Gerade Autor:innen, die sich erst am Anfang ihrer schriftstellerischen Reise befinden, würde ich daher raten, sich mit der Anschaffung einer dezidierten Schreibsoftware Zeit zu lassen. Freie Software wie LibreOffice bietet für den Anfang alles, was man braucht – und durch ihren Paketcharakter und Anleihen bei einschlägigen Satzprogrammen in Sachen Layout teils sogar mehr als reine Schreibsoftware.
Aber auch erfahrenen Autor:innen sei gesagt: Wie jede Arbeit erfordert auch Schreiben ein gerüttelt Maß an Organisation. Wenn die stimmt, genügt es völlig, eine 08/15-Tabellenkalkulation für Figuren, Orte, Gegenstände und alles andere zu verwenden, was man im Blick behalten muss. Man muss sie lediglich auf dem neuesten Stand halten. Wer sich damit auskennt, kann zudem sicher auch Datenbanken in LibreOffice Base anlegen und sie mit seinen Dokumenten verknüpfen.
Software stirbt. Geschichten bleiben.
Ich habe bei der Arbeit an Die Dornige Leiter etliche End- und Peripheriegeräte verschlissen. Betriebssysteme sind gekommen und gegangen und mit ihnen alle möglichen Programme. Was noch da ist, nach 28 Jahren, ist meine Geschichte.
Deshalb: Lassen Sie sich nicht davon blenden, welche Software die schicksten Funktionen bietet. Denken Sie ein Jahr voraus. Denken Sie fünf Jahre voraus, oder zehn. Bis dahin werden Sie nicht mehr dasselbe Gerät oder dasselbe Betriebssystem nutzen. Vielleicht möchten Sie irgendwann zu einer anderen Software wechseln. Behalten Sie das im Hinterkopf, um Ihre Freiheit zu bewahren und die Kontrolle zu behalten.
Denken Sie immer daran: Keine noch so ausgefeilte Schreib-App macht Sie zur Autorin oder zum Autor – sondern Ihre Geschichten. Konzentrieren Sie sich also auf Ihr Handwerk, nicht auf das Werkzeug.
Denn so etwas wie »aktuelle Software« gibt es nicht. Welches Programm auch immer Sie heute nutzen, eines Tages müssen Sie es aufgeben oder wollen es aufgeben. Ihre Geschichten aber werden Ihre Schreibsoftware überdauern. Planen Sie entsprechend und schützen Sie Ihre wertvollen Werke mit möglichst nachhaltigen Lösungen. Denn Veränderungen werden eintreten, ob Sie es wollen oder nicht.